Grenztheater

Warnung vorweg: der Beitrag wurde wohl doch etwas lang. Aber manchmal muss es einfach raus … also nehmt euch ein paar Minuten Zeit 😉

Nach einem frühen Start in den Tag um 4 Uhr morgens, einer 9stündigen Busfahrt und 30 Minuten in einem Gemeinschaftstaxi bewegen sich M und C zu Fuß das letzte Stück auf die Grenze Tansania – Ruanda zu. Gut vorbereitet haben sie sich schon in Dar es Salaam informiert, ob das gemeinsame Visum für die drei Länder Ruanda, Uganda und Kenia (East Africa Tourist Visa) auch direkt an der Grenze erhältlich ist oder die Botschaft benötigt wird. Ein sehr hilfsbereiter Hotelmanager, der ihnen gerne eine total billige, zweitägige Serengeti-Safari um knapp 400 USD pro Person verkauft hätte, hat extra seine Kontakte bemüht und versichert, dass wir Österreicher das direkt an der Grenze erledigen können. Gemäß der obersten Regel für Tansania-Reisende „Vertraue niemandem! Absolut niemandem!“, die ihnen ein bemühter Polizist gleich 10 Minuten nach der Einreise ans Herz gelegt hat, haben sich die beiden auch noch ausgiebig im Internet informiert und auf der Homepage der ruandischen Immigrationsbehörde die Bestätigung gefunden, dass der Visums-Antrag auch bei den jeweiligen Einreisebüros an der Grenze gestellt werden kann.

Begleitet von den üblichen „Mzungu! Mzungu!“* und „Hey my friend, change money!“** Rufen steuern sie nun den tansanischen Ausreiseschalter an. Nach einem kurzen Wortwechsel mit einem wirklich sehr freundlichen Grenzbeamten ist der Ausreisestempel auch schon drin und die beiden schleppen ihr Gepäck circa 1,5 km durch Niemandsland. An der ruandischen Grenze angekommen wartet wieder ein Grenzbeamter (im Weiteren GB) in einem container-ähnlichen Büro…

M: Hallo! Wir möchten bitte das Ostafrika Touristenvisum beantragen. Was müssen wir ausfüllen und wo müssen wir hin?
GB1 leicht uninteressiert: Welches Land?
M: Österreich.
GB1 grummelt leicht, hebt sich aus dem Sessel wo er soeben damit beschäftigt war Visa-Anträge in eine Excel-Tabelle einzugeben; er geht mit M. um die Ecke einen Aushang begutachten und deutet darauf.
M leicht verständnislos: Ja, äh… und was ist mit Österreich? Auf dem Aushang wird Österreich nicht erwähnt.
GB1: Sie müssen einen Antrag stellen.
M: Ja, dazu bin ich ja hier, um das Visum zu beantragen. Was muss ich genau ausfüllen?
GB1: Für das Visum brauchen Sie ein Antragsschreiben. Haben Sie das mit?
M immer verständnisloser: Wie? Was für ein Schreiben? Wie bekomme ich das? Ich habe im Internet gelesen dass die Visa-Anträge vor Ort an der Grenze gestellt werden können.
GB1 genervt: Sie brauchen dazu einen Antrag der Botschaft. Das müssen Sie bringen. Sie müssen zur Botschaft, das Antragsschreiben beantragen, dann nach drei Tagen können Sie das abholen und hier dann mit dem Antrag einreichen.
M verwirrt: Aber wir haben auf der Seite der ruandischen Immigrationsbehörde gelesen, dass dieser Antrag an der Grenze gestellt werden kann. Zusätzlich hat unser Hotelmanager in Dar es Salaam auch angerufen und es ist ihm versichert worden, dass wir nicht zur Botschaft gehen müssen.
GB1: Sie brauchen das Antragsschreiben.
M: Ja, ok. Das habe ich scheinbar nicht. Was können wir jetzt machen?
GB1: Sie müssen zur Botschaft.
M: Aber ich kann nicht mehr zurück nach Tansania. Ich habe nur ein Visum für eine einmalige Einreise.
GB1 nach kurzer Pause: Gehen Sie dort hin zum Schalter.
M: Ok, danke.
GB1 grummelt.

Der besagte Schalter ist im selben container-ähnlichen Büro. Der Kollege von GB1 (=GB2) hat den Dialog teilweise mitbekommen, musste dazwischen aber einen Visumsantrag bearbeiten.

M: Hallo! Wir möchten bitte das Ostafrika Touristenvisum beantragen.
GB2 leicht uninteressiert: Welches Land?
M: Österreich.
GB2 stark uninteressiert und genervt; schließt die Augen und greift sich an die Stirn: Für das Visum brauchen Sie einen Antrag. Haben Sie das?
M: Nein, ich habe auf der Internetseite der ruandischen Immigrationsbehörde gelesen, dass der Antrag vor Ort an der Grenze gestellt werden kann. Zusätzlich hat unser Hotelmanager in Dar es Salaam auch angerufen und es ist ihm versichert worden, dass wir nicht zur Botschaft gehen müssen.
GB2 immer noch mit geschlossenen Augen und Hand auf der Stirn: Sie brauchen dazu einen Antrag von der Botschaft. Das müssen Sie bringen. Sie müssen zur Botschaft, das Antragsschreiben beantragen, dann nach drei Tagen können Sie das abholen und hier dann mit dem Antrag einreichen.
M genervt, etwas beunruhigt aber bemüht höflich um GB2 nicht weiter zu verärgern obwohl er langsam Gedanken entwickelt ihm ernsthaft weh zu tun: Ok, aber das habe ich offensichtlich nicht. Also was können wir machen?
GB2: Sie müssen zur Botschaft.
M: Aber ich kann nicht mehr zurück nach Tansania. Ich habe nur ein Visum für eine einmalige Einreise.
GB2 nach kurzer Pause: Warten Sie dort drüben.
M: Ok, danke.

M. und C. Warten etwas beunruhigt vor der Einreisebehörde und sehen sich in Ruhe die dortigen Aushänge an. C. sieht sich schon am tansanischen Einreiseschalter betteln ob sie nicht doch wieder zurück dürfen, um im Endeffekt doch noch einmal 50 USD pro Person zu zahlen, um nach Uganda weiter fahren zu können.

M ruft und grinst: Da! Da ist es! Annex 2! Hier steht es… „der Antrag kann bei Botschaften ODER bei Einreisebüros an der GRENZE ODER online gestellt werden“!

M geht zurück zum Schalter: Dort drüben auf dem Aushang steht es. Dasselbe wie im Internet, dass der Antrag bei der Botschaft ODER bei den Einreisebüros gestellt werden kann.
GB2: Sie müssen zur Botschaft für den Antrag.
M heftig betonend und etwas lauter werdend: Aber dort drüben steht, dass es auch an der Grenze geht. Bitte, sehen Sie – Ihr Aushang! Angemerkt werden soll an dieser Stelle dass dieses Visum eine sehr neue Entwicklung ist, um Touristen die Einreise zu erleichtern.
GB2 schüttelt den Kopf und winkt ab.
GB1 kommt wieder dazu. Kommt raus, wirft einen Blick auf den Aushang: Hier steht ONLINE. Sie müssen das entweder bei der Botschaft machen oder Online!
M versichert, bemüht ruhig zu bleiben obwohl ihm innerlich langsam der Kragen platzt: Nein, aber sehen Sie doch. Hier steht ENTWEDER Botschaft ODER an der Grenze ODER Online! Nicht und! ODER! Hier steht ODER!
GB1 lacht bitter, winkt ab: Hier steht Botschaft oder Online! Wenn Sie die Sprache nicht sprechen und das nicht verstehen, können wir Ihnen auch nicht helfen.

M wirft C einen fassungslosen Blick zu. Er würde GB1 gerne auf 5 cm Länge mit Hut zusammen stauchen. Derartige Ignoranz ist für M kaum auszuhalten. C versucht ihn mit den Augen zu beschwichtigen. Sie weiß dass GB1 das offensichtlich nicht lesen können will, aber das Wohlwollen der Grenzbeamten wird noch dringend benötigt. M geht ein paar Schritte um nichts Falsches zu sagen.

GB1 kehrt in seinen Container zurück zu seiner Excel-Liste, die ihn sicher auch nicht zufrieden macht (*einvirtuelleshämischesGrinsenandieserStelle“ ;)).
M und C versuchen sich zu sammeln und beraten was sie jetzt noch tun können. Beide sind eher ratlos und befürchten umkehren zu müssen.

Nach ein paar Minuten steckt GB2 den Kopf aus der Tür und bittet die beiden erstaunlich freundlich sich doch drinnen zu setzen und zu warten. Wieder ein paar Minuten später bittet er um die Pässe. Betont langsam werden diese durchgeblättert. Er stellt Fragen wo M und C bisher so waren. Dazwischen heißt es immer wieder warten. Es wird noch ein dritter Kollege dazu gebeten (GB3), der das ganze Spiel noch einmal durchspielt. Am Ende merkt er an, M und C hätten zur Botschaft gehen sollen.

C: Ja, aber im Internet auf der Seite der ruandischen Immigrationsbehörde stand (wie auch hier draußen) dass der Antrag vor Ort an der Grenze gestellt werden kann. Zusätzlich hat unser Hotelmanager in Dar es Salaam auch angerufen und es ist ihm versichert worden, dass wir nicht zur Botschaft gehen müssen.

GB3 brummelt: Hmmm. Tssss. Seufzt. Ok, gehen Sie dort rüber, zwei Schalter weiter, dort wird ihr Zahlungsantrag aufgenommen. Dann zahlen Sie für das Visum, 100 USD pro Person – Sie wissen? Ja. Dann füllen Sie diesen Antrag hier aus und kommen wieder zurück.
C und M im Chor: Ok, danke.

Gesagt – getan. Eine Stunde später waren C und M in Ruanda, mit dem Ostafrika Touristenvisum in der Tasche und tranken Mützig, das erste gute Bier nach österreichischen Maßstäben der gesamten Reise.

* Swahili für Fremder bzw. Weißer, wird angeblich hin und wieder auch für sehr reiche Einheimische verwendet und soll überwiegend nicht negativ gemeint sein. Manchmal aber schon.

** Super wie viele Freunde man hier hat! 😉

P.S.: Im Bild oben das Zentrum von Kigali, Hauptstadt von Ruanda.

2 Anmerkungen zu “Grenztheater

  1. Werner

    Grenztheater, das Verrückte macht:
    Passierschein „A 38“, den man angeblich am Schalter 1 erhält. Der Pförtner schickt die Gallier im Erdgeschoß in den linken Gang, letzte Tür rechts. Dort ist aber keine Tür und Asterix versucht es mit der letzten Tür links. Der dort schaukelnde Beamte möchte nicht gestört werden und schickt die Gallier zum Plan im sechsten Stock…….

    He, ihr seid die GALLIER!!! Alles gelöst!!! Na dann mal rein nach Ruanda.
    LG aus Linz
    Werner

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