Heiliger Ganges!

Varanasi. Die angeblich älteste Stadt Indiens in der bis heute Menschen leben. Die Angaben der Quellen variieren, aber es wird von einer bis zu 4000 Jahre alten Geschichte dieser seltsam anmutenden Stadt gesprochen. Seltsam deswegen, weil der Tod wie in keiner anderen Stadt eine große Rolle spielt. Menschen die hier sterben und einer Reinigung unterzogen werden gelangen nach religösen Glaubensvorstellungen auf direktem Wege ins Nirvana. Viele Inder kommen zum Sterben nach Varanasi, um hier verbrannt zu werden und zur Mutter Ganga zurückzukehren. Das linke Ufer des heiligen Flusses ist gesäumt von sogenannten Ghats mit teilweise kolossalen Residenzen, die von den älteren Mitgliedern wohlhabender Familien als Wohnsitz für den Lebensabend genutzt werden. Die ärmsten Sterbenden werden, soweit man dem „Guide“ vor Ort glauben darf, in Hospizen aufgenommen, wo sie auf den Tod warten. Fasziniert hat mich am Manikarnika-Ghat, dem Haupt-Verbrennungs-Ghat, an dem rund um die Uhr Leichen verbrannt werden, dass die Bestattungszeremonie öffentlich abläuft. Der Leichnam wird massiert, mit Ölen eingeschmiert, im Ganges gewaschen, in Tücher eingewickelt und schließlich auf den vorbereiteten Scheiterhaufen gelegt und verbrannt. Nach etwa zwei bis drei Stunden, je nachdem wieviel Holz sich die Familie leisten kann, hat sich der Körper im Optimalfall fast vollständig in der Luft verteilt, der älteste Sohn schmeißt die großen unverbrannten Knochen in den Ganges und löscht das Feuer symbolisch, in dem er einen mit Wasser gefüllten Tonkrug ins Feuer wirft. Angesichts der stetig steigenden Holzpreise sieht man auch kleinere Scheiterhaufen, die von Kopf und Unterschenkeln des Verstorbenen überragt werden, ja manche reichen nicht mal aus um den Leichnam vollständig zu verbrennen, sodass nicht nur die großen Knochen und die Asche an Mutter Ganga zurückgegeben werden. Überhaupt im Ganzen und ohne vorherige Verbrennung in den Ganges geschmissen werden Sadhus, Kinder und Schwangere, da diese schon bzw. noch rein sind und keiner rituellen Reinigung bedürfen. An Lepra Verstorbene werden ebenfalls mit einem Stein beschwert versenkt, da die Krankheit als göttliche Strafe angesehen wird und nicht mit dem Feuer bekämpft werden darf.

Neben den mit Schwermetallen belasteten Abwasser der nicht allzu ökologischen Industrie und den Fäkalien der Varanasier kämpft Mutter Ganga also auch mit am Grund verwesenden Leichen, was die Leute aber nicht daran hindert im Fluss zu baden oder sich selbst bzw. die Wäsche zu waschen; manche trinken das Wasser gar. Da soll einer die Menschen verstehen.

Die Altstadt Varanasi’s gleicht einem Labyrinth aus unzähligen kleinen verwinkelten Gassen. Bei einer Breite von oft nur einem bis eineinhalb Meter mussten wir nicht selten stehenbleiben und überlegen, ob wir uns trauen zwischen Hauswand und Kuh vorbeizugehen oder erst mal abwarten was ihre Heiligkeit vor hat. Oberstes Fußgänger-Gebot ist den Boden nie aus den Augen zu verlieren und nicht zuviel durch die Nase zu atmen. Kuhfladen, Hundekot, Urin von diversen Säugetieren, blutroter mit Betelnüssen versetzter Speichel und nicht zuletzt der Müll können zudem einen Spaziergang in einen unregelmäßig gesetzten Slalomkurs verwandeln.

Trotz dieser unangenehmen Aspekte lohnt sich ein Besuch dieses mittlerweile zur Millionenstadt angeschwollenen Pilgerorts jedenfalls. Müll hin oder her – es ist beeindruckend und doch nicht bedrückend welch zentralen Platz der menschliche Tod in diesem bunten, vielfältigen Treiben an den Ghats im Alltag der Stadt einnimmt.

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