Wo Pferde keine Äpfel fressen

Wie können wir in der Mongolei Wanderreiten und dennoch unser Budget von maximal 35 Euro pro Person pro Tag einhalten? Diese Frage hat uns schon länger auf unserer Reise begleitet und Internetrecherchen deuteten eher darauf hin dass wir uns das abschminken können. Sowohl online als auch vor Ort in Ulaanbaatar stößt man fast ausschließlich auf Reiseagenturen wo man schnell 100 Euro pro Person pro Tag los wird. Auf Basis einer nicht besonders benutzerfreundlichen, aber inhaltlich äußerst hilfreichen Website haben wir über Umwege dann aber noch Tunga’s Guest House gefunden, wo leistbare Preise für Guide und Pferde angeführt waren. Nach ein paar vielversprechenden E-Mails und Telefonaten machten wir uns mit dem Bus auf den Weg nach Tariat.

Viele Reiseveranstalter warnen davor auf eigene Faust durch die Mongolei zu reisen, man solle lieber in der Hauptstadt eine geführte Tour buchen, um den vielen Gefahren des Landes aus dem Weg zu gehen. Wir waren zwar nur im Bezirk Archangai unterwegs, aber zumindest dafür kann ich diese Empfehlung nicht nachvollziehen. Auch das österreichische BMA bescheinigt der Mongolei in Sachen Sicherheit und Kriminalität die Stufe 1, „Guter Sicherheitsstandard“. Unsere Busfahrt war wie in vielen anderen Ländern auch: ein paar Tage vorher das Ticket kaufen, einsteigen, losfahren, je weiter weg von der Hauptstadt desto schlechter die Straßen und nach 13 Stunden Gerumpel waren wir am Ziel. In Tariat angekommen haben wir auch einige andere Reisende getroffen, die mit dem Pferd, Rad, Motorrad oder Jeep eigenständig ohne gröbere Probleme durch das Land tingelten. Also nicht zu viel Angst vor möglichen Gefahren haben. Die Reiseveranstalter wollen wohl einfach nur Geld verdienen und dafür haben sie in der Mongolei aufgrund des Klimas lediglich drei Monate Zeit. Die durchschnittlichen Temperaturen in Ulaanbaatar liegen nur zwischen Juni und August über 10°C.

An unserem zweiten Tag in Tariat wurden wir mit Tunga und ihrem Mann Amra über den Preis einig und besprachen unsere Route die wir innerhalb von zwei Wochen zu Pferd zurücklegen wollten. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Tags darauf lernten wir jedoch, dass man in der Mongolei keine Reise an einem Dienstag beginnen soll. Damit das Schicksal oder wer auch immer uns wohl gesonnen ist, verlegten wir den Start auf den nächsten Tag. Wir hatten ja Zeit. Am Mittwoch fuhren wir zum Ger-Camp der Familie, wo wir unsere Pferde kennen lernen sollten. Ein Ger ist das in der Mongolei typische Zelt. Leider hatte sich die Pferdeherde tiefer in die Berge zurückgezogen als erwartet, weshalb sie erst am frühen Abend im Camp ankam. Wir halfen mit, die Tiere auf eine Halbinsel im See zusammen zu treiben, damit Amra und Mega, der mongolische Horseman der unser Guide für die nächsten Tage sein sollte, unsere Gefährten mit dem Lasso heraus fangen konnten. Kein Schmäh: wirklich mit dem Lasso. Freiwillig kommt ein mongolisches Pferd nicht zum Menschen damit er sich darauf setzen kann, wenn es doch mit seiner Herde weiter ziehen könnte.

Aufgrund der späten Stunde wurde der Start mit dem nächsten Morgen festgesetzt. Etwas Wichtiges hatten wir zu dem Zeitpunkt bereits gelernt: in der Mongolei braucht man Zeit und Pläne unterliegen stetiger Veränderung. Früh am nächsten Morgen (der frühe Morgen beginnt in der Mongolei nicht vor 10.00 Uhr) fuhren wir wieder zum Ger-Camp und lernten unsere Pferde kennen. Sie wirkten nicht besonders erpicht darauf von uns geritten zu werden, aber wer kann es ihnen verdenken. Wir waren zuversichtlich dass sich die Nervosität der Pferde bald legen wird und ritten mit Mega los. Der Tag verlief gut. Mega war ein äußerst ruhiger und professioneller Pferdemann. Er konnte zwar kein Englisch aber mit Händen und Füßen sollte die Verständigung ja wohl auch klappen. Beim ersten Zwischenstopp bedeutete er mir kurz vor dem Absteigen, dass man den linken Fuß im Steigbügel behält. Ok, gedeutet – getan; aber ich war für mein Pferd wohl zu langsam herunten. Es beschleunigte das Ganze indem es während ich abstieg nach rechts ausbrach, davon lief und ich auf dem Rücken landete. Naja, nächstes Mal eben nur mehr Absteigen wenn das Pferd gehalten wird. Mega fing das Pferd, das sich in der Nähe der Gruppe zum Grasen einfand, mit äußerster Ruhe wieder ein. Zum Glück sind Pferde Herdentiere und haben kein Interesse daran, sich von den anderen weit zu entfernen, es sei denn es findet sich eine bessere Herde in der Umgebung. Wir campten an einem Fluss und kochten uns am Abend das erste Mal Risotto mit Wurst.

Der nächste Tag begann wie der erste geendet hatte: regnerisch. Tunga hatte bereits etwas erwähnt: mongolische Pferde mögen kein heißes Wetter wegen der Fliegen und keinen starken Regen. Aber das was passierte, hatte ich dann doch nicht erwartet. Die Pferde waren von Anfang an nervös. Irgendwann sagte der Guide etwas zu uns, aber wir hatten keine Ahnung was. Wir dachten, vielleicht sollten wir traben, um schneller am Ziel zu sein oder etwas Dampf abzulassen…? Also machte ich es ihm auf meinem Pferd ein paar Schritte vor, aber ein entschiedenes Kopfschütteln sagte mir, das war es nicht was er sagen wollte. Ich dirigierte mein Pferd wieder zurück hinter seines, aber es hatte Blut geleckt. Diese langsame Gangart bekam ihm überhaupt nicht und es entschied, es will jetzt rennen! Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann das letzte Mal ein Pferd mit mir durchging… ich glaube, ich war nicht älter als 15. Aber dieser kleine, mongolische Gaul hat die Statistik wieder geändert. Man traut es ihnen nicht zu wenn man sie nicht gut kennt, aber diese Pferde können schnell rennen… es wäre wohl ein Vergnügen gewesen, wenn ich es hätte steuern können. Ich konnte aber lediglich die Richtung beeinflussen, – nicht wählen, das wäre zu viel gesagt, nur beeinflussen – ihn zwei Minuten rennen lassen und wieder zurück zu den anderen steuern, wo Markus glücklicherweise noch auf seinem Pferd saß, das sich von diesen Eskapaden nicht anstecken ließ. Dieser kurze „Ausritt“ änderte für mich die Situation an Tag zwei grundlegend. Die zugesicherten „ruhigen“ Pferde, waren eben nicht so ruhig. Sie waren frisch von der Herde und nicht unbedingt an Anfänger/-innen gewöhnt. Was wenn Markus‘ Pferd sich zu so etwas hinreißen lässt, er fällt, es liegen Steine herum… nicht auszudenken! Tungas Sohn stieß zufällig zu dem Zeitpunkt mit dem Auto zu uns, um nach dem Rechten zu sehen. Wir berichteten was passiert war, stiegen ab und überließen es dem Horseman die Pferde zurück zu bringen. Die Pferde waren für unerfahrene Reiter/-innen, wie Markus, gefährlich und dem wollte ich uns auf keinen Fall aussetzen.

Ich war nahe daran, das Wanderreiten als abgeschlossen zu betrachten, ließ mich aber zu einem neuen Versuch am nächsten Tag mit anderen Pferden überreden. Markus bekam ein Pferd das bisher fast einen ganzen Monat lang von einem jungen Franzosen geritten wurde, der aber aus gesundheitlichen Gründen verfrüht abreisen musste. Tungas Familie hatte es gerade eben gekauft und sein Freund und Reitkamerad konnte von keinen problematischen Zwischenfällen berichten. Ich bekam das Pferd das Markus am Vortag ritt und mein Pferd, von mir fortan „Crazy Brownie“ genannt, wurde vom neuen Guide geritten. Auch Mega wurde bei der Gelegenheit abgelöst, da er seit einem Sturz vor ein paar Tagen Probleme mit der Schulter hatte. Erst ritt Tungas Mann mit uns, der uns an Tag 3 beobachtete und entschied ob wir weiter reiten können, und ab Tag 4 Tungas Sohn, der uns bis zum Ende des Trips begleiten sollte.

In dieser neuen Konstellation kamen wir sehr viel besser zurecht. Markus‘ Pferd war sehr gut für Anfänger/-innen geeignet, war ruhig, leicht lenk- und handlebar. Mein Pferd war auch in Ordnung, manchmal etwas nervig, da es vor allem an den Nachmittagen anfing seinen Kopf auf und ab zu werfen, was ein entspanntes Sitzen unmöglich machte. Doch mit den Tagen wurde auch das besser und wir konnten das Wanderreiten so richtig genießen. Zumindest in der ersten Tageshälfte, wenn das Gesäß noch nicht ganz so schmerzte und am Abend, wenn Markus das Lagerfeuer entzündet hatte und wir die Landschaft in der Abendsonne genossen. 😉 Mit uns ritt die ersten Tage der Freund des Franzosen, der Markus‘ Pferd vorher geritten ist. Einen treuen Begleiter fanden wir mit dem Hund der Familie, der uns stets vor herannahenden Yaks oder fremden Menschen, die sich dem Camp näherten, warnte. Insgesamt waren wir 13 Tage zu Pferd unterwegs. Wir überquerten zahlreiche Flüsse und mehrere Berge; kochten zweimal Risotto mit Wurst, zweimal Risotto mit Erbsen, einmal Risotto mit verschiedenem (Dosen-)Gemüse, aßen fünfmal Pasta mit Tomaten-Paprika-Zwiebel-Gemüse aus dem Glas und dreimal Khuushuur (Teigtaschen mit Ziegenfleisch) in den Dörfern durch die wir ritten und freuen uns nun sehr auf Salat. Wann immer wir die Gelegenheit hatten, kauften wir in den Dörfern Äpfel um zumindest ein paar Vitamine abzubekommen. Obst und Gemüse sind in der Mongolei, wo die Menschen hauptsächlich von Milchtee, wässriger Nudelsuppe und Ziegenfleisch leben, ein Luxusgut. Ein Kilo Äpfel kostet hier rund vier Euro und ist am Land das einzige Obst, das in den Geschäften zu finden ist. Als verwöhnte Europäer/-innen aßen wir den Apfelputz natürlich nicht mit, sondern wollten ihn als Leckerli den Pferden überlassen. Nur konnten die damit überhaupt nichts anfangen. Sie sind nicht daran gewöhnt, direkt aus der Hand eines Menschen etwas zu fressen zu bekommen. Aber auch als der Apfelputz am Boden lag, wurde er nicht als potentielles Pferdefutter betrachtet. In der Mongolei wachsen keine Äpfel und mongolische Pferde fressen sie daher auch nicht.

Es waren beeindruckende zwei Wochen zu Pferd und ich bin froh, auch wenn es Startschwierigkeiten gab, unser Horse Trekking mit Tunga und ihrer Familie, einem lokalen Anbieter, gemacht zu haben, da man auf diesem Weg Land und Leute besser kennen lernt. Ansonsten hätte ich nie gewusst, dass man in der Mongolei an Dienstagen keine Reise startet. Allen die Zeit haben und die Mongolei und ihre Bevölkerung wirklich kennen lernen möchten, kann ich Tunga’s Guest House nur empfehlen. In den Bezirken trifft man nicht viele Englisch sprechende Menschen, insofern ist das Guest House ein einfacher Startpunkt. Außerdem habe ich Tunga als sehr bemüht kennen gelernt, Touristen/-innen weiter zu helfen und zwischen ihnen (uns) und der mongolischen Bevölkerung Brücken der Verständigung zu bauen. Nicht jede Brücke ist perfekt und manchmal gibt es Schlaglöcher, aber die Pfeiler stehen meines Erachtens auf einer ehrlichen Basis. Und unser Tagesbudget für die Mongolei haben wir idealerweise noch um ein paar Euro unterschritten.

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