Mein Wutthema: Frauenfeindlichkeit und Ungleichbehandlung

Der aktuelle Artikel von Antje Schrupp „Der Missachtung begegnen“ auf Zeit Online zum Thema Frauenfeindlichkeit hat mir sozusagen wieder in den Hintern getreten, doch endlich auch meinen Beitrag zu dem Thema, der schon länger in meinem Hirn herum wandert, zu Computer zu bringen und zu veröffentlichen. Frau Schrupp spricht mir an vielen Stellen aus dem Kopf und aus dem Herzen.

Ich war lange Zeit damit beschäftigt meine Vorurteile zum Beispiel in Bezug auf die Gesichtsverschleierung zu reflektieren, bevor ich mir bewusst ein Urteil bilden wollte. An Fragen wie „Warum machen die das? Warum lassen sie sich das gefallen?“ wollte ich offen heran gehen, denn vielleicht finden sich ja Gründe die das auch für mich rechtfertigen würden. Fakt ist aber, dass ich Ungleichbehandlungen von Frau und Mann nicht akzeptieren kann und es für mich keine zulässigen Begründungen gibt, die eine Ungleichbehandlung rechtfertigen.

Nun habe ich mich bisher immer als sehr ausgeglichenen Menschen gesehen, der mit Problemen und Meinungsverschiedenheiten (meistens) vernünftig umgeht und diese auch ruhig ausdiskutieren kann. Während der Reise habe ich gelernt, dass dies nicht für Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen von Frauen gilt. Das bringt mich in Sekundenbruchteilen auf einen sehr ungesunden Puls und lässt mich vor Wut beben. Den ruhigen Umgang mit derartigen Situationen muss ich definitiv noch lernen.

Natürlich wurde ich auf der Reise nicht zum ersten Mal mit Ungleichbehandlungen und Frauenfeindlichkeit konfrontiert. Dies sind Probleme die auch in Europa gang und gäbe sind und Österreich ist in dieser Hinsicht keinesfalls das gelobte Land. Jede Frau kann zu dem Thema wohl etliche Geschichten erzählen.

Dennoch hatte ich manchmal das Gefühl, als hätte man mich aus einem großen Bausch rosaroter Zuckerwatte in die dunkle, böse Welt geschmissen. Dabei bin ich in keine gefährliche Situation geraten, aber die Begegnungen im Alltag und die Beobachtungen des Lebens rundherum machten deutlich, wie tief verankert Frauenfeindlichkeit im täglichen Leben vieler Länder ist. Etwas das mich die Reise über sehr beschäftigt und oft aufgeregt hat. Im Folgenden ein paar durcheinander gewürfelte Beobachtungen:

Südafrika hat sich für mich noch als Positivbeispiel präsentiert, wo ich im Radio zweimal Themensendungen gegen Gewalt gegenüber Frauen und Kindern hörte. Das Problem wird also thematisiert, mit dem Ziel die Situation zu verbessern.

In Tansania bekamen wir meist in Bussen immer wieder eine Soap Opera zu sehen, in der ein rund 40-jähriger Mann eine Affäre zu einem circa 16-jährigen Schulmädchen hatte und seine Frau regelmäßig schlug, die das auch noch gerechtfertigt fand. So etwas gehört dort anscheinend zum täglichen TV-Programm. Tansania ist darüber hinaus eines der 30 Staaten Afrikas (ebenso wie Uganda und Kenia), die zu den Hauptverbreitungsgebieten von weiblicher Genitalverstümmelung gehören. Das Thema wird tabuisiert, aber in einem Hostel in Arusha, nahe der Serengeti, habe ich dazu eine Broschüre einer NGO gefunden, die versucht die ländliche Bevölkerung zu überzeugen diese abscheuliche Tradition zu beenden.

Die Werbung Indiens überschlägt sich nur so von stereotypen Geschlechterrollen und -zuschreibungen. Ein Beispiel über das ich zuerst sarkastisch lachen musste, das den Blutdruck aber stets erhöht wenn ich daran denke, dass so eine Werbung von einem internationalen Unternehmen produziert wird. Für die Enthaarungscreme Veet, eine Marke die zu Reckitt Benckiser gehört mit Sitz im Vereinigten Königreich, wurde ein TV-Spot geschalten in dem sich ein Mädchen die Beine rasiert und sich dabei schneidet. Ein zweites Mädchen hält darauf hin einen Rasierer hoch und fängt an zu singen: „You are not a boy and that’s not a toy…“ (übersetzt: du bist kein Junge und das ist kein Spielzeug) also benutz die Enthaarungscreme und lass die Finger von so einem gefährlichen Rasierer. Davon gibt’s übrigens auch eine Langversion auf youtube.

Eine Niederländerin die wir unterwegs trafen, erzählte uns von ihrer Erfahrung mit dem Holi Festival, dem Fest der Farben bei dem Farbbeutel herum geschmissen werden. Erst fand ich es schade dass wir das Holi knapp verpasst hatten, war darüber dann aber nicht mehr traurig als sie schilderte, dass viele Inder die Farbbeutel dazu benutzten ihr auf Po und Brüste zu greifen.

Den Blick mit dem viele indische Männer Frauen betrachten fand ich besonders widerwärtig. Die Frau ist dort scheinbar für viele etwas das man sich jederzeit nehmen kann – keine Person die es zu respektieren gilt, sondern ein Objekt mit dem mann tun kann was mann will.

In China hatte ich das Gefühl, dass die Erreichung des gängigen Schönheitsideals (weiß, dünn, zierlich) und die Verinnerlichung zugeschriebener weiblicher Eigenschaften (ruhig, leise, dezent, unterstützend, bescheiden) für junge Frauen eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung hat.

Die jungen Chinesinnen die ich so auf der Straße sah waren zum größten Teil sehr dünn und das liegt sicher nicht an der Art des regionalen Essens, das überwiegend aus Fleisch besteht. Bei dem ganzen damenhaften Getribbel und mädchenhaften Gekicher vermisste ich bald kräftige Schritte und ein lautes, herzhaftes Lachen. Das vorrangige Ziel für Chinesinnen Anfang 20 ist einen Ehemann zu finden. Ab 25 gehört frau zum alten Eisen und gilt als Überbleibsel, wodurch der Heiratsdruck noch weiter steigt.

Auch in der Mongolei gibt es neben einem massiven Alkoholproblem, begünstigt durch sehr billigen Vodka, ein großes Problem mit Gewalt gegen Frauen. Wir haben immer wieder Frauen mit blau geschlagenen Gesichtern auf der Straße gesehen.

In Kirgisistan ist die durch die Eltern arrangierte Ehe noch weit verbreitet. Laut Auskunft unseres Guides in Arslanbob entscheiden zwar immer mehr junge Menschen selbst wen sie heiraten und junge Frauen bekämen auch immer häufiger eine gute Ausbildung und gingen für gute Jobs ins Ausland (meist nach Russland), dennoch ist der Brautraub und in Folge dessen die Zwangsverheiratung eine gängige Praxis vor allem im ländlichen Bereich. Dabei wird eine junge Frau auf offener Straße entführt und zur Familie des Mannes gebracht, wo sie von dessen Familienmitgliedern zur Heirat „überredet“ wird. Oft wird sie nach der „Hochzeit“ vergewaltigt um den Bund der Ehe zu vollziehen. Nach einer Nacht beim Mann hat die Frau die Wahl zwischen der Ehe mit diesem oder einem Dasein als Ehrlose in Ausgegrenztheit.

Erschreckend fand ich auch wie schüchtern und verschreckt sich dort viele Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum bewegen.

Als weiße Frau wurde ich in all diesen Ländern natürlich anders behandelt als einheimische. Schließlich bin ich weiß, was gleichzusetzen ist mit schön und reich. Die Missachtung des anderen Geschlechts schwingt trotzdem ständig mit: in der Beobachtung des täglichen Lebens, bei Begegnungen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Restaurants, bei Gesprächen mit der regionalen Bevölkerung. Das ärgert mich und macht mich wütend. Aber ich kann nicht viel zur Änderung der Situation beitragen. Diese Veränderung muss von innen kommen. Ich kann lediglich ein paar Denkanstöße liefern. Allein durch meine Anwesenheit liefere ich ein Beispiel einer emanzipierteren Kultur, eines gleichwertigen Umgangs und Lebens miteinander. In Gesprächen lassen sich Differenzen diskutieren, was im besten Fall zu einem Nach- und Umdenken führen kann. Und an dieser Stelle muss ich mich kräftig an der Nase nehmen. Wenn mich nicht gerade ein kräftiger Wutanfall geschüttelt hat (der beim Gegenüber mit größter Wahrscheinlichkeit nicht zum Nachdenken führt), habe ich derartige Gespräche viel zu oft vermieden, Differenzen eben nicht thematisiert und lieber der Bequemlichkeit gefrönt – des lieben Friedens willen. Ich hätte wahrscheinlich mehr potentielle Anstöße zur Veränderung liefern können als ich es getan habe, weil ich zu bequem war und den Mut nicht gefunden habe die jeweilige Situation zu diskutieren.

In den letzten Wochen haben mich schon ein paar Menschen gefragt, was ich an der Reise ändern würde wenn ich könnte. Genau das. Die Bequemlichkeit und Friedliebigkeit über Bord zu werfen und die Missachtung von Frauen und Ungleichbehandlungen in den jeweiligen Situationen zum Thema zu machen und zu diskutieren. Dazu muss ich aber erst einmal lernen meine Emotionen in Zaum zu halten, denn vor Wut bebend ist ein vernünftiges, verständnisorientiertes Gespräch nicht möglich.

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