Einblicke in ein Gemeinschaftszentrum Ruandas

Auf unserer Reise haben wir ein dörfliches Gemeinschaftszentrum am Kivu-See besucht und später mit dem Leiter noch ein schriftliches Interview geführt. Ruanda war das Land unserer Reise das uns am meisten überrascht und fasziniert hat. Nicht nur aufgrund seiner landschaftlichen Schönheit. Ruanda hat mit dem Genozid an den Tutsi 1994 eine tragische Geschichte. 20 Jahre später ist es eines der saubersten Länder der Region (wer nachlesen will, hier haben wir unsere erste Überraschung kurz beschrieben) und empfängt seine Besucher/-innen auf das Herzlichste. Uns ging es zumindest so. Eine Person, die uns nach einem langen Wandertag durch die Hügellandschaft entlang des Sees Kivu herzlich empfangen und bei ihm zu Hause ein umfangreiches Abendessen serviert hat, war Ernest Kyewalyanga. Beim Lagerfeuer erzählte er uns dann von seinen vielen Projekten die er für die Region rund um das kleine Dorf Bumba initiiert hat. Mit dem „Mother of Good Counsel Rehabilitation Centre“ unterstützt er die regionale Gemeinschaft auf vielen verschiedenen Ebenen, um der ländlichen Bevölkerung neue Arbeitsmöglichkeiten zu eröffnen, der jungen Generation mit Zugang zu Bildung neue Chancen für ihre Zukunft zu bieten und die dortige Lebenssituation nachhaltig zu verbessern. Ich habe während unserer Reise und danach bis jetzt oft an Ernest und sein großes Engagement gedacht und habe beschlossen ihm mit meinen Möglichkeiten ein kleines bisschen zu helfen. Unser Laptop wird in Kürze seine Reise nach Ruanda antreten. Wenn jemand von euch sich ebenfalls ein neues Gerät anschaffen wird oder das bereits getan hat, der alte Laptop noch voll funktionsfähig ist und sowieso nur zu Hause rumliegen würde (oder das bereits tut), dann freue ich mich wenn ihr mich dabei unterstützen wollt und mir das Gerät zukommen lasst, damit ich Ernest ein weiteres Päckchen schicken kann. Laut Ernests Auskunft kann man sich auf die Post Ruandas verlassen und ihr würdet somit genau wissen wo eure Spende landet. Und damit ihr noch ein bisschen mehr darüber wisst, habe ich mit Ernest ein schriftliches Interview via Facebook geführt und ihn gebeten, sich und seine Arbeit kurz vorzustellen.

Blick auf den Kivu-see

Ausblick hinter Ernests Unterkunft, dem „Bumba Base Camp Congo Nile Trail“

Ich: Ernest, deine Organisation, das Mother of Good Counsel Rehabilitationszentrum, wurde 2004 gegründet. Wann hast du deine Arbeit in Bumba begonnen? Du hast uns erzählt, du selbst kommst aus dem Nachbarland Uganda. Wie bist du nach Bumba gekommen?

Leiter des Gemeinschaftszentrum

Ernest am Beginn seiner Arbeit in Bumba

Ernest: Die Organisation wurde von einem katholischen Priester aus Uganda gegründet. 1994 wurde die Kirche zur Hölle. Es war fast nichts mehr übrig. Danach rief die Kirche in anderen Ländern dazu auf, Priester nach Ruanda zu senden um die römisch katholische Kirche dort wieder zu beleben und neu aufzubauen. Er erhielt finanzielle Hilfe von der Republik Deutschland und den USA um ein Ressourcen- und Rehabilitationszentrum, oder anders gesagt: ein Gemeinschaftszentrum aufzubauen. Im Zuge dessen etablierte er zahlreiche Hilfsprogramme, insbesondere im Gesundheitsbereich. Er hat viel für die verwundbarsten und marginalisierten Bevölkerungsgruppen wie Frauen und Kinder getan. 2008 lud er mich ein das Zentrum zu besuchen und ihn bei der Umsetzung eines Projektes zu beraten, da ich damals beruflich als Projektmanager tätig war. Im Zuge dessen tourten wir auch durch das schwer traumatisierte Land. Was ich damals sah bewegte mich tief so dass ich mich dazu entschloss zwei Jahre für ihn als Volunteer zu arbeiten. In dieser Zeit startete ich einige neue Initiativen wie zum Beispiel eine Kindertagesstätte, eine öffentliche Bibliothek und ein berufsbildendes Programm speziell für Frauen, damit diese sich neue Fähigkeiten wie Weben, Nähen oder Brot backen zur Ernährung ihrer Familien aneignen konnten. Auch der Bereich des Tourismus war Teil des Ausbildungsprogramms. Dieses Gemeinschaftszentrum wurde zu einem großen Teil von mir und ich entschied länger zu bleiben und noch mehr für Bumba zu tun.

Ich: Welche Situation hast du dort vorgefunden als du ankamst und was hat sich seither verändert bzw. verbessert?

Ernest: Als ich nach Ruanda kam gab es dort viele arme drei- bis sechsjährige Kinder die allein in den Dörfern zurückbleiben mussten, während ihre Eltern zu Fuß in die Nachbarorte gehen mussten um zum Beispiel einen Tagesjob zu erhalten und das Überleben der Familie zu sichern. Diese Kinder konnten nicht zur Schule oder in eine Betreuungsstätte gehen und hatten den ganzen Tag niemanden der sich um sie kümmerte. Die Familien mussten mit 1 Dollar Tagesbudget auskommen. Im Durchschnitt bestand eine Familie aus 8 Personen. Die meisten konnten lediglich das Geld für eine Essensration pro Tag aufbringen, wenn überhaupt und die Eltern mussten zum Wohl ihrer Kinder manchmal ganz auf Nahrung verzichten.

Aus diesem Grund gründete ich die Kindertagesstätte. Damit konnten wir die Unterernährung der Kinder bekämpfen, früh Zugang zu einer Grundausbildung bieten und zur gesellschaftlichen Sozialisierung beitragen. Außerdem brachte ich die Frauen der Umgebung in Kooperativen zusammen. Dort konnten sie die in den Ausbildungskursen erworbenen Fähigkeiten teilen, weiterentwickeln und gemeinsam ihr tägliches Einkommen steigern. Es war wichtig für sie, nach der schrecklichen Zeit wieder so etwas wie Zusammenhalt und Teamwork zu erfahren um gemeinsam die Zukunft ihrer Familien und in weiterer Folge der gesamten Nation zu verbessern.

Ich: Du hast sehr viele verschiedene Projekte bzw. Programme in Bumba initiiert, um die Gemeinschaft zu unterstützen. Was sind für dich die drei wichtigsten und was würdest du als deine wichtigsten Ziele bezeichnen?

Ernest: Die Kindertagesstätte ist eines der drei wichtigsten Projekte für mich. Daneben gibt es noch zahlreiche weitere Schritte die wir zur Verbesserung der Lebenssituation hier beitragen, wie zum Beispiel ein Schweinezucht-Programm bei welchem die ärmsten Familien jeweils ein Schwein geschenkt bekommen. Bekommt eine Sau wieder Ferkel werden auch davon wieder Tiere weiter verschenkt. Aber zurück zu den drei für mich wichtigsten Projekten: neben dem Kindergarten gehört dazu auch die öffentliche Bibliothek und unsere Tourismusprojekte um der Region neue Einkommensquellen zu beschaffen.

Wesentliche Säulen für die Entwicklung eines Kindes sind die physische Gesundheit, dass es geistesgegenwärtig, emotional stabil, wissbegierig und sozial kompetent ist. Die ersten fünf Lebensjahre eines Kindes sind hierbei von grundlegender Wichtigkeit. Hier wird die Basis für die Zukunft des Kindes gelegt; dafür dass es persönlich wachsen kann, dass es eine Erfolg versprechende Ausbildung absolvieren kann und die eigenen Fähigkeiten weiterentwickeln kann – zum eigenen Wohle, zum Wohle seiner Familie und der Gemeinschaft. Forschungen haben gezeigt dass die ersten drei bis fünf Jahre im Leben des Kindes besonders wichtig für die Architektur des Gehirns und dessen Entwicklung sind. Frühe Erfahrungen formen die Basis dafür und haben einen direkten Einfluss auf die Lernfähigkeit und die sozialen und emotionalen Kompetenzen des Kindes. Kleinkinder lernen sehr viel schneller als später in ihrem Leben. Hierbei sind das Gefühl von Geborgenheit und geliebt werden besonders wichtig für deren Wachstum, damit die Kinder Vertrauen und Sicherheit empfinden und so ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln können. Für eine gute Entwicklung brauchen sie neben einer gesunden Ernährung und medizinischen Grundversorgung auch Zuneigung, Aufmerksamkeit, Ermutigung und geistige Anregung. Diese Grundlagen der Kindesentwicklung zu verstehen hilft Eltern dabei ihr Kind entsprechend unterstützen und fördern zu können. Mit unseren Programmen helfen wir nicht nur den Kindern, wir unterstützen auch die Eltern dabei ihren Kindern die Grundsteine für eine gute Entwicklung bereit stellen zu können. Kinder haben das Recht dazu in einer Umgebung aufzuwachsen, in der sie ihr Potential voll ausnutzen können. Es ist die Pflicht der Eltern, der Betreuungspersonen, Familienmitglieder, Gemeinschaften, der Gesellschaft und der Regierung dieses Recht zu gewährleisten und zu schützen.

Dies ist der Grund warum ich versuche mit dem Gemeinschaftszentrum einen Platz anzubieten, der all diesem gerecht wird; wo Eltern und Kindern Unterstützung geboten wird, um den Kleinsten in unserer Gesellschaft einen guten Start ins Leben zu ermöglichen. Damit haben wir sehr wichtige Schritte für die Gemeinschaft gesetzt, es bleibt aber noch sehr viel zu tun. Ich habe mir auch zum Ziel gesetzt die schwächsten Glieder der Gemeinschaft zu integrieren und auch körperbehinderten Kindern Zugang zu Bildung zu verschaffen. Allerdings fehlt es dafür an Transportmittel. Diese Kinder können nicht aus eigener Kraft zur Schule kommen. Das Land hier ist sehr hügelig und bergig. Wir bräuchten einen Schulbus, aber leider fehlt dafür das Geld. Die Eltern sind arme Bauern und können es sich nicht leisten ihre Kinder zur Schule fahren zu lassen und auch unserer Einrichtung fehlen derzeit die finanziellen Mittel dafür. Dies ist einer der Bereiche in dem wir finanzielle Unterstützung dringend benötigen.

Auch unsere Bibliothek benötigt Geld- oder Sachspenden um eine Ausbildung up-to-date liefern zu können. Ich habe Schulen in unserem Bezirk besucht, die das Unterrichtsfach „Informationstechnologie“ anbieten, aber in ihrer Bibliothek lediglich 10 Computer stehen haben, wovon vier davon nicht einmal funktionsfähig sind. In Folge dessen können zahlreiche Kinder und junge Erwachsene keine ausreichenden Computerfähigkeiten entwickeln, die für die heutige Arbeitswelt so wichtig wären. In vielen Fällen bleibt ihnen dadurch das nationale Examen verwehrt, das in Ruanda zu einer universitären Ausbildung berechtigt.

Im städtischen Bereich, wo die großen internationalen Organisationen sitzen und Schulen internationale Fördermittel erhalten, ist der Zugang zu Computer mittlerweile gewährleistet. In die ruralen Gebiete wird jedoch kaum investiert, weshalb sich die Kluft zwischen Stadt und Land noch weiter vergrößert. Daher ist die öffentliche Bibliothek für mich ein sehr zentrales Projekt. Ich möchte unseren Studenten einen Platz bieten, wo sie sich in ihrer Freizeit weiter in ein Thema vertiefen können und eine Grundausbildung am Computer erhalten, damit sie später in der Arbeitswelt eine Chance haben. Die öffentliche Bibliothek soll ein Ort sein, an dem Studenten zusammen kommen, sich austauschen, lernen und ihre Kreativität weiterentwickeln können, was sich später in der Entwicklung der Gemeinschaft und der Region positiv niederschlagen kann bzw. soll.

Das dritte zentrale Projekt ist der Tourismus. Mit der Eröffnung eines kleinen Guest House hat sich für uns eine zusätzliche Einnahmequelle geboten, um unseren Kindern ihre täglichen warmen Mahlzeiten und Schulbücher kaufen zu können. Außerdem öffnet es unserem Zentrum die eine oder andere globale Tür. Wir möchten Touristen unser Gemeinschaftszentrum näher bringen, Ideen austauschen und Kontakte knüpfen die uns auf lange Sicht finanziell unterstützen könnten.

Unsere Unterkunft ist sehr einfach ausgestattet: wir können für eine kleinere Gruppe bequeme Betten anbieten und es gibt ein Gemeinschafts-WC und -Dusche. Um größeren Gruppen ausreichend Platz zu bieten wäre eine Investitionsspritze notwendig, da wir größere Waschräume, mehr Bettzeug und Matratzen, Küchenutensilien, eventuell Zelte und andere Ausstattungsmaterialien bräuchten.

Ich: Wie könnte man deine Arbeit hier noch unterstützen? Was würdest du dir wünschen?

Ernest: Sollte es da draußen spendable Gönner geben die meine Arbeit in Ruanda unterstützen wollen, wäre es mein größter Wunsch, ein Transportsystem für die Schulkinder in unserem Bezirk zu etablieren, um wirklich allen Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Auch die Ausstattung unserer Bibliothek mit Computern steht auf meiner Wunschliste weit oben sowie die Unterstützung im Tourismusbereich, der für uns Arbeitsplätze generieren kann und eine wichtige Einnahmequelle darstellt.

Kind am Weg nach Bumba

Neugierige Blicke begleiten uns auf unserer letzten Etappe nach Bumba

 

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