zweirucksackler, die jetzt drei sind und Equal Care

Ja, zweirucksackler sind jetzt zu dritt! 🙂 Um genau zu sein schon seit November 2016, aber man muss sich ja erst mal aufeinander einstellen. Anlässlich des heuer eigentlich nicht stattfindenden Equal Care Days, möchte ich ein paar Einblicke liefern wie wir uns das mit der dritten Rucksacklerin so vorstellen.

Der Equal Care Day soll gemäß den Initiator*innen am 29. Februar etabliert werden. Warum ausgerechnet am 29.? Weil es den nur alle vier Jahre gibt und Männer statistisch über vier Jahre brauchen um dieselbe Care-Arbeit zu leisten, die Frauen durchschnittlich in einem Jahr machen (in Deutschland, aber in Österreich wird das sehr ähnlich aussehen). Heuer soll daran am 1. März erinnert werden, dass 80% der Fürsorgearbeit, also Kinderbetreuung, Pflege von Alten und Kranken und dergleichen im professionellen und privaten Bereich, von Frauen geleistet wird. Im privaten Bereich nicht entlohnt, im professionellen Bereich meist schlecht entlohnt wirkt sich das unmittelbar auf den Durchschnittsverdienst von Frauen aus. Der Equal Pay Day lässt grüßen.

Für mich war eine Grundvoraussetzung für eine mögliche Familiengründung, einen Partner zu haben, der das sich Kümmern um den Nachwuchs auch als seine Aufgabe verinnerlicht hat. Jemanden, der nicht „hilft“ bei der Fürsorgearbeit, weil das impliziert ja immer noch dass es eigentlich meine Aufgabe als Frau ist, sondern es als unser gemeinsames Aufgabengebiet betrachtet. 50:50 eben.

Der Equal Care Day ist eine, wie ich finde, wichtige Aktion um darauf aufmerksam zu machen, dass dies in weiten Teilen der Gesellschaft nicht selbstverständlich ist, weshalb ich die Initiative unterstützen möchte, indem ich ein bisschen was von meinem Senf zu den von den Initiator*innen gestellten Fragen abgebe – soweit mir das als Praxis-Newbie möglich ist.

Wie ist die Care-Arbeit bei Euch zuhause auf die Erwachsenen verteilt? Gibt es feste Zuständigkeiten?

Gibt es nicht. Im Moment ist es natürlich so dass ich mehr Arbeit übernehme, da ich ja als erste in Karenz bin. Sieben Monate lang. Dann übernimmt er. Ich erwarte mir also, dass sich das in den ersten 14 Monaten ausgleicht. Abends und an Wochenenden übernimmt im Moment er öfter das Fläschchen geben, Windel wechseln, in den Schlaf schaukeln etc. als ich. Feste Zuständigkeiten erwarte ich mir auch für die Zukunft nicht. Ich denke, die Organisation des Alltags wird mehr Kommunikation und Koordinationsarbeit erfordern, dann sollte eine faire Aufteilung aller Bereiche gut möglich sein. Vielleicht bleibt das Rucksack packen in meinem Zuständigkeitsbereich – oder zumindest die Endkontrolle 😉 Als notorische Listenschreiberin, die gerne für alle Fälle gerüstet ist, wird es mir schwer fallen das abzugeben.

Warum teilt Ihr Euch anfallende Care-Arbeit untereinander auf? Welche Vorteile habt Ihr dadurch?

Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Equal Care war für mich immer schon die Bedingung, um überhaupt eine Familie zu gründen. Mit dem Gedanken dass die Care-Arbeit nur an mir hängt, verbinde ich ein sehr einengendes, beschränkendes Gefühl und fühle mich gesellschaftlich in eine Rolle gedrängt, in der ich ausschließlich zur Mutter werde und mich als Frau aufgeben muss – der Mann aber weiterhin Mann bleibt, mit vielen Freiheiten die mir als Mutter nicht zugestanden werden. Das empfinde ich als zutiefst unfair. Ich habe Mutterschaft für mich lange Zeit grundlegend abgelehnt, weil ich die Möglichkeiten (noch) nicht sah, aus diesen stereotypen Zuschreibungen ausbrechen zu können und Mutterschaft für mich nur mit Nachteilen verbunden war. Versteht mich nicht falsch: das hat wenig damit zu tun, wie ich selbst aufgewachsen bin. Ich bin in einer Familie groß geworden in der sich der Vater auch um die Kinder gekümmert hat. Und ich sage nicht dass Kinder aus Familien, in denen die Fürsorgearbeit überwiegend bei einem Teil liegt (meistens bei der Frau), nicht auch eine glückliche Kindheit haben. Es hat mehr mit den gesellschaftlichen Erwartungen und Zuschreibungen zu tun, was es bedeutet eine „gute Mutter“ zu sein und was diese eben nicht zu tun hat. Und es hat mit strukturellen Benachteiligungen in Bezug auf die eigenen Karrieremöglichkeiten zu tun, wenn man an Karenz und Pflegeurlaub in Krankheitsfällen denkt. Aber, ich denke, ich schweife ab – zu den Vorteilen: meines Erachtens gibt es derer viele. Beide haben von Anfang an eine intensive Bindung zum Kind und bekommen die Kindesentwicklung genau mit. Die Arbeitslast ist gleich verteilt und idealerweise haben beide Elternteile auch noch etwas Zeit um eigenen Interessen/Hobbies nachzugehen: glückliche Eltern – glückliche Kinder. Die Sorgearbeit ist ein verbindendes Element in der Partnerschaft, da sich die Lebenswelten beider Elternteile darin überschneiden. Der letzte Punkt den ich anführen möchte ist jetzt vielleicht noch nicht in der Realität der Lohnarbeitswelt angekommen, wird er aber wenn sich Equal Care immer mehr durchsetzt: finanzielle Nachteile und Benachteiligungen von Frauen in Bezug auf Karrieremöglichkeiten durch Karenz, Pflegeurlaub, Teilzeitarbeit und aufgrund der fehlenden Möglichkeit Überstunden zu machen werden abgebaut.

Welche Nachteile und Schwierigkeiten gibt es, welche Hürden?

Aus meiner Sicht gibt es keine Nachteile. Es fällt vielleicht ein höherer Kommunikations- und Koordinationsaufwand an, was ich aber nicht als Nachteil empfinde.Ich denke, die meisten Hürden haben Männer zu überwinden wenn es um Equal Care geht. Es ist leider nicht common sense dass auch Väter pünktlich nach Hause gehen müssen, um das Kind von der Betreuungseinrichtung abzuholen. Ganz zu schweigen von Pflegeurlaub oder einer 50:50 Karenzaufteilung. Wir haben in dieser Hinsicht Glück, da seine Arbeitsstelle grundsätzlich sehr liberal und familienfreundlich eingestellt ist. Aber ich lese immer wieder von Vätern die ihre Arbeitsstelle verlieren oder aufs Abstellgleis befördert werden, weil sie in Karenz gehen und ich höre und lese von ganz vielen die aus Angst davor eben dann nicht in Karenz gehen. Nichtsdestotrotz müssen Männer ihr Recht auf Karenz, Pflegeurlaub etc. öfter wahrnehmen und stärker einfordern. Ansonsten wird sich an der Grundsituation, dass die Sorgearbeit für Kinder Benachteiligungen in Bezug auf Karriere und Budget mit sich bringt, nichts ändern.

Wäre es nicht praktischer, eine Person des Haushalts würde sich alleine darum kümmern und so auch den Überblick und die Verantwortung behalten?

Das mag vielleicht so manch eine*r praktischer empfinden, für mich aber aus oben genannten Gründen inakzeptabel. Den Überblick zu behalten ist mit unseren technischen Errungenschaften wie einem gemeinsamen, digitalen Kalender und To-Do-Apps eigentlich ziemlich einfach. Und die Verantwortung zu teilen empfinde ich sowieso als Entlastung.

Wodurch / Wann stoßt Ihr an Grenzen der fairen Aufteilung?

Das wird sich noch weisen. Wie gesagt: wir sind Praxis-Newbies.

Leben Kinder in Eurem Haushalt? Hat sich die Verteilung der Care-Arbeit verändert im Vergleich zur Zeit ohne Kinder?

Ich nehme an, hier ist die reine Hausarbeit gemeint. Auch dazu lässt sich jetzt noch nichts sagen. Das lässt sich erst sinnvoll beantworten, wenn wir nach der Karenz beide wieder im Joballtag sind.

Was hat sich verändert mit dem Älterwerden der Kinder? Musste die Aufteilung in Frage gestellt und evtl. neu verteilt werden?

Wird die Zukunft zeigen.

Welche Reaktionen bekommst Du von anderen für Dein Tun als Mann* / bzw. als Frau*? Erzähle von einer Situation, ein Gespräch, in dem Du eine positive und eine, in dem Du eine negative Reaktion erfahren hast.

Ich werde diese zwei Fragen gemeinsam beantworten, da es auch hier noch nicht so viele Erfahrungen gibt. Im Moment erhalten wir vor allem Reaktionen auf das gewählte Karenzmodell. Die sind überwiegend interessiert-neugierig bis sehr positiv. An eine negative Reaktion kann ich mich bis dato nicht erinnern. Es kommt immer wieder die Frage ob das denn mit seiner Firma so einfach ginge. Und Bekundungen dass die Leute das toll finden. Manchmal habe ich das Gefühl dass so manch eine*r mit interessiert-neugierigem Blick sich denkt „Na, wart ma amal ab ob sie das dann wirklich so machen können“ aber das ist nichts anderes als eine reine Unterstellung 😉

Was würdest Du Deinem jüngeren Ich mit auf den Weg geben, das weder Kinder hat noch in einer Partnerschaft lebt, wie es mit dazu beitragen kann, dass Equal Care gelingen kann?

Ich würde in Bezug auf die Familiengründung nichts anders machen.

Was wünschst Du Dir von Politiker*innen?

Ich hätte mir z. B. beim Papa-Monat, der jetzt im Zuge der Reform des Kinderbetreuungsgeld mit 1.3.2017 kommt, einen Kündigungsschutz bzw. Rechtsanspruch darauf gewünscht. Wir brauchen mehr Anreize für Väter in Karenz zu gehen und einen Rechtsanspruch darauf, um Vätern, die sich dazu entschließen, den Rücken zu stärken und so gut es geht vor Benachteiligungen zu schützen. Und das Thema muss öffentlich stärker präsent sein und diskutiert werden, damit es auch für Männer zum Standard wird sich damit auseinanderzusetzen wenn ein Kind kommt.Außerdem braucht es österreichweit einen massiven Ausbau der Kinderbetreuungsstätten. Wir brauchen mehr qualitativ hochwertige und leistbare Kinderkrippen und -gärten. Das Betreuungsangebot muss auch viel flexibler werden. Es gibt zum Beispiel viel zu wenig Möglichkeiten in der Ferienzeit und vielfach müssen die Betreuungszeiten ausgeweitet werden und den heutigen Joberfordernissen angepasst werden.

Was wünschst Du Dir von anderen Entscheidungsträger*innen?

Ich schreib hier jetzt mal das „böse“ Wort: mehr Gender-Mainstreaming 😉 – weil es das was ich meine am besten zusammen fasst. Die meisten die dagegen wettern wissen in der Regel ja gar nicht was das überhaupt bedeutet. Ich finde jede*r sollte sich in Entscheidungssituationen, aber auch in verschiedensten Situationen des täglichen Lebens, immer wieder fragen: würde ich das jetzt genau so sagen/entscheiden/machen/kritisieren/empfinden etc. wenn mein Gegenüber ein Mann/eine Frau (eben das in der jeweiligen Situation „andere“ Geschlecht) wäre. Das ist im Groben Gender-Mainstreaming. Es beugt Ungleichbehandlungen vor und macht eine*n selbst sensibel für die eigenen Rollenklischees und -erwartungen die man mit sich herumträgt und die die eigenen Entscheidungen und Handlungen natürlich immer beeinflussen. Und keine*r ist davor gefeit, jede*r trägt das mit sich und hinaus in die Welt. Für eine gerechtere Gesellschaft müssen wir uns die eigenen Vorurteile und Klischees die uns beeinflussen regelmäßig vor Augen führen und dagegen ansteuern. Das wünsche ich mir von allen Entscheidungsträger*innen, allen Journalist*innen, allen Eltern, allen Bürger*innen – einfach von jedem Menschen.

Was wünschst Du Dir konkret für Deinen Alltag anlässlich des Equal Care Day 2017?

Ich würde mir mehr positive Beispiele an Paaren wünschen, die es schaffen Equal Care zu leben. Schön wäre es auch, wenn sich durch die Aktion ein paar Menschen dazu inspirieren ließen, ihren eigenen Alltag bzw. ihre Vorstellungen wie ein Alltag mit Kind sein soll zu hinterfragen, um in weiterer Folge eigene Schritte in Richtung gerecht verteilte Sorgearbeit zu gehen.

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